Feuerwehr-Zusammenlegung mit Happy End
Feuerwehrleute verfolgen ein Ziel: Sie wollen helfen. Damit sie ihre eigentliche Aufgabe bestmöglich erfüllen, sollen klare Strukturen und geordnete Hierarchien die Abläufe vereinfachen. Vor allem Freiwillige Feuerwehren empfinden deshalb jede Veränderung, die von außen kommt, erst einmal als Störfeuer. Dies gilt insbesondere, wenn Politiker aus finanziellen Gründen die Idee haben, aus zwei Feuerwehren eine machen zu wollen. Dann schalten viele Feuerwehrleute ab – oder schlimmer: Sie treten aus der Feuerwehr aus, da sich „ihr Verein“ plötzlich so verändert. Umso erstaunlicher, wenn dann einmal von einer Zusammenlegung die Rede ist, die Feuerwehrleute unterstützt haben – und bei der danach alle zufrieden sind.
Alles begann 2003, als klar wurde: Die Ortschaft Vechelde, gelegen am östlichen Rand Niedersachsens im Landkreis Peine, westlich von Braunschweig, braucht ein neues Feuerwehrhaus. Die Gemeindeverwaltung sollte beim Neubau und der Sanierung des Rathauses in Vechelde erweitert werden - das alte Feuerwehrhaus am Rathaus musste weg. „Außerdem war das kaum mehr als ein alter Schuppen. Von einer Einhaltung der aktuellen Unfall-Verhütungs-Vorschriften konnte nicht die Rede sein“, berichtet Peter Splitt (49), der seit 1979 in der Feuerwehr und seit 2007 Gemeindebrandmeister in Vechelde ist. Doch der Bau und die Ausstattung eines neuen Feuerwehrhauses kosten viel Geld und die Kassen waren damals leer. Zu allem Überfluss wurde zu der Zeit auch noch ein TLF 16 beschädigt und die für das neue Feuerwehrhaus vorgesehenen Finanzmittel mussten umgeschichtet werden.
Auch im Nachbarort Wahle bestand Handlungsbedarf: Zwar war das dortige, 30 Jahre alte Feuerwehrhaus gut gepflegt und soweit noch in Schuss. Doch auch hier wäre eine kostspielige Erweiterung nötig gewesen. So passierte erst einmal gar nichts – es wurde nur Geld gespart.
Zeitgleich gab es damals von den Feuerwehrführungen in einigen Bundesländern die Anweisungen, Wehren neu aufzustellen. So sollten Gemeinden, die über 15.000 Einwohner, ein größeres Gewerbegebiet sowie vielbefahrene Straßen haben, einen so genannten Feuerwehrschwerpunkt schaffen. Darüber hinaus galt es, Wehren, die die Vorgabe der niedersächsischen Mindeststärkeverordnung nicht erfüllen, mit anderen Wehren zusammenzulegen. So wurden acht der 17 Ortsfeuerwehren der Gemeinde Vechelde zu vier Wehren zusammengefasst. Und aus den Feuerwehrstützpunkten Vechelde und Wahle wurde so der Feuerwehrschwerpunkt Vechelde-Wahle. Daniel Goebel (27), Pressesprecher der Wehr Vechelde-Wahle, erklärt: „Pro fünf Ortswehren in der Gemeinde ist eine Stützpunktfeuerwehr vorgeschrieben. Da gehören ein Gruppen- und ein Truppfahrzeug hin, zum Beispiel ein Tanklöschfahrzeug oder ein Rüstwagen“. Für Feuerwehrschwerpunkte wie Vechelde-Wahle ist ein ganzer Zug vorgeschrieben. Also ein Löschfahrzeug (LF), ein Tanklöschfahrzeug (TLF) und einen Rüstwagen (RW) oder eine Drehleiter, kurz DL. Daher betont Gemeindewehrführer Peter Splitt: „Durch die Zusammenlegung haben wir für die neue Wehr eine technische Ausstattung erhalten, die sonst nicht hergekommen wäre!“ 2004 ging es dann in die Detailplanung der Zusammenlegung. Schon früh waren auch fast alle Mitglieder der beiden Wehren Vechelde und Wahle für eine Zusammenlegung.
Auch der Gemeinderat zog mit und stellte zunächst die Rathaus-Erweiterung zurück: „So war das neue Haus für die Feuerwehr Vechelde-Wahle nicht mehr zu stoppen, auch wenn es nicht in den gewünschten Dimensionen gebaut werden konnte“, berichtet Michael Hanne, heute stellvertretender Ortsbrandmeister. An vereinzelte, konservative Störfeuer denkt der Berufsfeuerwehrmann, der schon 40 Jahre in Wahle aktiv war, heute kaum noch zurück: Teilweise wollten „Feuerwehr-Oberste“ eine Zusammenlegung verhindern und schafften es sogar, die Pläne kurzfristig auf Eis zu legen. Viele Externe mischten sich ein, obwohl der Brandschutz dem Bürgermeister und seinem Amt unterstellt ist: „Feuerwehr bestimmt sich selbst? Schön wär´s“, sagt Hanne erbost. So wurde es insgesamt ein langer und beschwerlicher Weg – oder von außen betrachtet ein ruhiger. Für eine Zusammenlegung der beiden Wehren wurde alles getan, nur eben langsam und Schritt für Schritt. Vieles lief im Hintergrund.
Dann nahm das Projekt doch Fahrt auf: 2006 wurde das neue Feuerwehrhaus zwischen Vechelde und Wahle gebaut, auf einer Fläche, die früher Brachland und nicht genau einem Ortsteil zugeteilt war. „Mit einer fast direkten Anbindung an die neue Umgehungsstraße ist dieser Standort einsatztaktisch optimal gewählt“, sagt Daniel Goebel. Bereits vor der Fertigstellung übten die beiden Wehren Vechelde und Wahle zusammen. Ließen sich sogar zusammen alarmieren. Die Kreisstraße K21 in Vechelde wurde so mehr und mehr auch zur Heimat für Feuerwehrleute aus dem Nachbarort. Lag doch die grüne Wiese, auf der das Feuerwehrhaus gebaut wurde, schon immer in der Gemarkung von Wahle. Die Sophientaler Straße, an der das Feuerwehrhaus nun liegt, ist nur wenige Minuten entfernt und in Sichtweite des alten Feuerwerhauses der Wahler. „2007 bis 2009 hatten wir dann nicht nur zwei Wehren unter einem Dach sondern auch zwei Wehrführer. Dann nach und nach wuchsen wir zusammen. Mal hat der eine Wehrführer den Dienst gehalten, dann wieder der andere. Das hat sich selbst entwickelt“, berichtet Daniel Goebel.
Am 8. Mai 2009 verschmolzen dann die beiden Wehren offiziell zu einer. 12 Frauen und 71 Männer sind nun aktiv, im Durchschnitt 33,2 Jahre alt – sehr jung also. Vechelde-Wahle ist eine moderne Feuerwehr geworden mit Newsletter, Förderverein, Kinderfeuerwehr und vielen neuen, weiteren Ideen. So war schnell klar, dass der Ort Wahle sein altes Gerätehaus behalten kann – es aber anders nutzen wird. Und so gab es durch den Zusammenschluss noch einen Gewinner: Die Jugendfeuerwehr hat seither ihren eigenen Raum: „Wir haben einen Kicker, eine eigene Tafel und müssen nicht immer alle unsere Sachen sofort wegräumen“, schwärmen die 12-jährige Lisa-Marie Lommatzsch und der 10 Jahre alte Nick Kreihe. Auch Benjamin Künstler (13) ist froh: „So viel Platz hatten wir vorher nicht. Auch wenn ich nun aus Vechelde immer herfahren muss ist mir dieser Ort hier lieber!“ Jugendfeuerwehrwartin Barbara Balke (28) ist mit 11 Jahren in die Jugendfeuerwehr eingetreten und seit 1999 in der Freiwilligen Feuerwehr: „Ich bin sofort Jugendfeuerwehrwart-Vertreterin geworden. Das ich einmal meinen eigenen Raum für die Jugendlichen habe, hätte ich nicht gedacht“, so die Erste Hauptfeuerwehrfrau, die seit 2002 in Funktion der Chefin ist. Einer der Betreuer ist Hendrik Geerken (18), der sechs Jahre selbst Jugendfeuerwehrmann war und nun seit zwei Jahren in der aktiven Wehr ist: „Keiner kann allein und das leben wir in der Feuerwehr – erst recht in unserer gemeinsamen Wehr“, sagt er stolz. Unter dem Jugendfeuerwehrraum, dem ehemaligen Unterrichtsraum der Feuerwehr Wahle, befindet sich nun ein Lager und die Kleiderkammer – dafür war im neuen Gerätehaus kein Platz. Wohl aber für einen Rettungswagen des ASB: „Das hat große Vorteile. Im Einsatz arbeiten wir ja eng mit dem Rettungsdienstpersonal zusammen. Da ist es gut, wenn man sich schon einmal kennt und gesehen oder geschnackt hat“, erklärt Daniel Goebel.
Heute ist die Wehr gut durchmischt. Vechelder und Wahlern arbeiten Hand in Hand zusammen. Der Streit mit einigen Bedenkenträgern gegen die Zusammenlegung scheint beigelegt und so zeigt die Feuerwehr Vechelde-Wahle ganz sicher: Es hat sich vieles positiv verändert. Jeder muss nur die Zeichen der Zeit erkennen, verstehen und gemeinsam anpacken wollen. Auch, wenn dadurch Kompromisse geschlossen werden müssen.