Pflicht-Feuerwehr Binz auf Rügen

„Pflicht-Feuerwehr“ – davor haben Freiwillige Feuerwehren Angst! Denn wo aus Freiwilligkeit eine Pflicht wird, hört für viele der Spaß auf. Pflicht-Feuerwehren können vom Bürgermeister in seiner Funktion als oberster Dienstherr jeder kommunalen Feuerwehr eingerichtet werden. Die Gründe hierfür können fehlende Bereitschaft der Bevölkerung oder ein aus anderen Anlässen nicht sichergestellter abwehrender Brandschutz sein. Die bekanntesten Pflicht-Feuerwehren sind jeweils auf den deutschen Inseln zu finden. Neben List auf Sylt (dort gab es zu wenig freiwillige Helfer) gibt es derzeit auch auf Rügen eine solche Feuerwehr. Die Gründe dafür sind hier aber ganz anderer Art, denn Freiwillige gab es auf den ersten Blick genug.

Der Landkreis Rügen hat 46 ehrenamtliche Wehren mit 1123 ehrenamtlichen Helfern. Rügen ist die größte Insel Deutschlands und umfasst etwa 1000 Quadratkilometer. Pro Jahr kommen etwa 1,3 Millionen Tagesbesucher auf die Insel, mehr als sechs Millionen Menschen bleiben über Nacht. Soweit die Zahlen der zuständigen Fremdenverkehrsbüros. Die Insel in der Ostsee ist über die vier Kilometer lange Rügenbrücke zu erreichen. Auch hier ist Rügen Spitze, denn es ist die längste Brücke im Bundesgebiet. Was jedoch im Feuerwehrhaus Binz im August 2009 seinen Höhepunkt fand, war alles andere als Spitze. Bürgermeister Horst Schaumann (63) fühlte sich in die Ecke gedrängt und konnte die Wehr nur noch auflösen, später eine Pflicht-Feuerwehr einrichten – der Weg der Kameraden zu einer geordneten Freiwilligen Feuerwehr war beschwerlich und dauert noch an – doch im Juni 2010 soll es wieder eine FF in Binz geben.

Es war ein Sonntag, der die Wehr auf Binz ruckartig verändern sollte. 26 Aktive waren es auf dem Papier bis zum Wahltag, dem 16. August 2009. Um 10:35 Uhr beendete der Bürgermeister eine wohl bis dahin nur im Verborgenen ablaufende Odyssee der Freiwilligen Feuerwehr. „Bis wir uns einmischen, muss schon viel passieren. Die Wehr sollte selber ihren Weg finden“, sagt der Bürgermeister im Februar 2010. Man hat das Gefühl, dass er sich für seinen Schritt entschuldigen will. Denn nachdem selbst im zweiten Wahlgang keine neue Wehrführung gefunden wurde, griff der Bürgermeister hart durch: Er verkündete die Auflösung der Wehr. Nur elf Stimmen hatte der einzige Kandidat für sich verzeichnen können: Manfred Welk (56) hätte aber mindestens 13 Stimmen erhalten müssen. Der Jugendfeuerwehrwart war traurig – hatte er sich doch so lange überlegt, ob er überhaupt das Amt bekleiden will. Doch er wollte etwas zum Positiven verändern. Die Wehr war tief zerrüttet: „Es waren viele Kameraden an dem Tag da, die sonst nie zu sehen waren. Einige nannten sie sogar „Kartei-Leichen“. Da waren sie aber und verwehrten mir die Stimmen, obwohl sie gar nicht wissen konnten, wie ich bin“, sagt Welk gut ein halbes Jahr nach dem Schicksalstag. Noch immer kann er die Protesthaltung nicht verstehen – heute ist es ihm aber nicht mehr so wichtig. Die „Kartei-Leichen“ sind nämlich nicht mehr dabei. Die bisherige Wehrführung trat geschlossen zurück. Auch wollten sie nicht erneut kandidieren. Dies war aber wohl eher ein Schachzug, wurden doch im Hintergrund – wie schon seit Jahren – die Fäden ganz anders gezogen.

Horst Schaumann (63), Bürgermeister Binz auf Rügen

Horst Schaumann (63), Bürgermeister Binz auf Rügen

Heute wird relativ offen darüber gesprochen: „Wir wollen aber keine schmutzige Wäsche waschen. Was gewesen ist, ist vorbei.“ Dass es gut ist, dass es vorbei ist, merkt man den Kameraden jedoch an. Einige erzählen von den Jahren vor der Auflösung und Einführung der Pflichtfeuerwehr wie von einem Schauermärchen. Ein Wehrführer war im Einsatz nicht nur Maschinist und fuhr das Löschfahrzeug zur Einsatzstelle, er legte sogar Atemschutz an und rannte als erster und teilweise sogar allein in die Gebäude. Das dieses Verhalten lebensgefährlich ist, steht nicht nur in den Unfallverhütungsvorschriften – eigentlich sollte der gesunde Menschenverstand einen Feuerwehrmann davon abhalten. Lehrgänge erhielten nur noch wenige ausgewählte Kameraden. Bei vielen Einsätzen wurde nur noch eine „Wehr-Elite“ eingesetzt. So durften nur bestimmte Kameraden zum Beispiel die Motorkettensägen bedienen. Eine vergiftete Stimmung, wie sie keiner Wehr gut tut, herrschte vor. Noch dazu stiegen die Ausrückezeiten fast bis ins Unermessliche. „Bei vielen Einsätzen waren die Nachbarwehren traurigerweise sogar schneller vor Ort als die Freiwillige Feuerwehr Binz“, sagt Kreiswehrführer Hartliep. „Es gab seit Jahren Probleme. Aber vieles war verdeckt. Wir haben immer gedacht und gehofft, dass sich die Probleme auflösen, bevor wir die Wehr auflösen müssen.“ Teilweise wurde die in Binz stationierte, einzige Drehleiter in der gesamten Umgebung außer Dienst genommen – für eine Feier der Binzer Führung im Nachbarort. Die eigenen Kameraden wurden nicht gefragt oder in Kenntnis gesetzt und auch der Kreiswehrführer wusste nichts, wurde sogar angelogen. „Uns ist wichtig, dass wir es jetzt besser machen. Wir haben keine Geheimnisse voreinander und wir sprechen uns mit der Mannschaft ab. Denn nur so können wir gute Arbeit leisten“, sagt Sven Schäfer, der nun eingesetzter Wehrführer der Pflicht-Feuerwehr ist.

Nach der missglückten Wahl und dem Erlass des Bürgermeisters ging alles relativ schnell: Noch am selben Abend mussten alle ihre Wach-Schlüssel abgeben - zusätzlich wurden die Schlösser der Wehr ausgetauscht. Kreiswehrführer Daniel Hartliep (31) informierte die Rettungsleitstelle in Bergen: „Die Wehr Binz ist bis auf unbestimmte Zeit außer Dienst“, ordnete er an. Dann rief er alle benachbarten Wehrführer auf Rügen zusammen. Ein Notplan wurde noch am selben Tag geschaffen. Der Kreiswehrführer zog später sogar aus Glowe mit seiner Familie für fünf Wochen nach Binz: "Ich habe einen Bungalow erhalten, das war wirklich nett“, so der hauptberufliche Versicherungskaufmann. Die Einsatzleitung übernahm er zunächst komplett selbst. Die in Binz stationierte Drehleiter wurde für über vier Wochen von Kameraden aus Sassnitz besetzt. Schockiert über die Situation der Nachbarwehr boten alle ihre Hilfe an. Binz selber wurde feuerwehrtaktisch sinnvoll aufgeteilt. Das bedeutet: Die Wehren aus der Region fahren nach Binz. Mönchgut-Granitz und die Feuerwehren der Städte Bergen, Sassnitz und Putbus werden bei Einsätzen in Binz alarmiert.

Pflicht-Feuerwehr in Binz auf Rügen eingeführt

Pflicht-Feuerwehr in Binz auf Rügen eingeführt

Darauf, dass Binz auf dem Papier gut aufgeteilt ist, wollten wir uns aber nicht verlassen“, sagt Daniel Hartliep. Der Feuerwehrmann wollte Gewissheit erlangen, dass der abwehrende Brandschutz in Binz nach Auflösung der Wehr funktioniert. So wurde am 21. August 2009 eine Probealarmierung durchgeführt. Starker Rauch in einer Schule war das Stichwort: „Niemand von den Einsatzkräften der Nachbarwehren wusste, dass wir sie um 10:55 Uhr rufen werden. Nach nur zwölf Minuten war die erste FF vor Ort. Das letzte Fahrzeug 20 Minuten nach dem Alarm. Trotz voller Straßen. Es war ja noch Urlaubs-Hochsaison“, so Hartliep. Insgesamt zwar traurig über die Situation, war er mit der Ausrückezeit doch zufrieden.

Auch das ganz normale Leben in Binz ging weiter und schon am 25. August kam es zu einem richtigen Feuer. In einem Hotel im Ort lief eine Waschmangel fest. Dichter, giftiger Rauch drang in alle Räume. Fünf Feuerwehren wurden alarmiert. Das Feuer konnte schnell gelöscht werden – niemand kam zu Schaden. Der Bürgermeister wurde informiert und dankte vor Ort den Nachbar-Feuerwehrleuten, seine eigene Feuerwehr gab es zu dem Zeitpunkt ja nicht mehr. „Die haben dann nur zu mir gesagt, Bürgermeister, Du brauchst Dich nicht bedanken. Wir sind da, denn wir sind richtige Feuerwehrleute! Da war ich sprachlos und noch dankbarer.“

Während die Feuerwehr-Taktik nach der Auflösung stand, arbeiteten Kreiswehrführer, Bürgermeister und Stadt-Verwaltung im Hintergrund weiter: „Wir haben transparent gearbeitet, um deutlich zu machen, dass wir hinter den engagierten Feuerwehrkameraden, die nur ihren Dienst für den Bürger tun wollen, stehen“, sagt Steffi Michalski (43), Leiterin des Ordnungsamtes Rügen. „Wir haben dann jeden einzelnen Wehrkameraden der bisherigen Freiwilligen Feuerwehr zu einem Gespräch eingeladen. Jeder sollte uns sagen, ob er weiter für die Feuerwehr aktiv sein möchte. Wir haben uns über jeden Kandidaten beraten und sie dann zu Pflicht-Feuerwehrleuten ernannt.“ So fand sich eine Truppe von verpflichteten Feuerwehrleuten, die dennoch freiwillig ihren Dienst tun: „Das Vorgehen hat sich sehr bewährt“, urteilt der Bürgermeister, betont aber gleichzeitig: „Das ist aber nichts, was zur Nachahmung einlädt.“ Damit will der Bürgermeister möglichen Amtskollegen gleich den Wind aus den Segeln nehmen, sich in die Arbeit der Feuerwehr allzu sehr einzumischen.

Die Kameraden Marco, Ronny, Sven, Jens, Manfred und Heiko

Die Kameraden Marco, Ronny, Sven, Jens, Manfred und Heiko

Währenddessen wurde die Eil-Entscheidung des Bürgermeisters vom Gemeinderat in einer Sitzung bestätigt. So stand auch die Einführung der Pflicht-Feuerwehr auf demokratischem Boden und wurde durchgezogen. Nur knapp einen Monat später, seit dem 15. September 2009, ist die Pflichtfeuerwehr mit 17 Kameraden einsatzbereit. Seither üben alle zusammen. „Es passen alle hier ins Team. Wir freuen uns, wenn wir uns sehen“, sagt der eingesetzte Wehrführer Sven Schäfer (33), der seit acht Jahren auf Rügen lebt. Er war früher beim THW aktiv, arbeitet gerne im Team. „Wir haben hier im Jahr mindestens 30 Einsätze, da müssen wir zusammenhalten. Natürlich suchen wir jetzt noch Kameraden, die ins Team passen. Ich möchte gerne wieder auf 26 Aktive anwachsen, damit wir auch von der Personalstärke eine reguläre Stützpunktfeuerwehr werden“, so der hauptberufliche Tischler in der Kurverwaltung Binz. Zu der Ausbildung gehören auch Übungen, im Februar sogar im Schnee. Zu einem Sonderdienst anlässlich des Besuchs des Dräger Feuerwehr-Reporters gibt es auf Anhieb genug Freiwillige.

Die Mahnungen der Vergangenheit nehmen die Feuerwehleute sehr ernst. So wollen sie Demokratie leben. Jedem eine faire Chance geben und auch Widerworte gegen die Wehrführung zulassen. „Nach Übungen und Einsätzen muss Manöverkritik zugelassen werden“, sind sich die Feuerwehrleute einig. Gemeinsam steht ein Volleyballturnier an, an dem jeder teilnehmen kann. „Ausbildung für jeden ist uns wichtig. Vor allem schützt eine gute Ausbildung vor Gefahren im Einsatz. Klar muss sein: jedes Mitglied hat Rechte und Pflichten“, bestätigt Manfred Welk. Darum stand auch dieses Thema als eines der ersten auf dem Dienstplan der Feuerwehrleute und am 15. September 2009 um 19 Uhr wurde dann erstmalig die Sirene in Binz wieder eingeschaltet: „Damit haben wir allen gezeigt: Wir sind wieder für den Bürger da!“ Die 5.400 Einwohner von Binz wird es gefreut haben, denn so haben auch sie die Gewissheit, dass die knapp 2,3 Millionen Menschen, die pro Urlaubssaison nach Binz kommen, noch ein Stück sicherer sind. „Das ist eine ganz tolle Truppe geworden“, bestätigt auch der Bürgermeister und ergänzt: „Nun kann ich auch wieder ruhig schlafen.“

Die Pflicht-Feuerwehr soll bis Juni 2010 wieder in eine Freiwillige Feuerwehr umgewandelt werden. Noch bevor die Haupt-Urlaubssaison startet. Der Gemeinderat soll dafür in den kommenden Wochen die Weichen stellen. „Wir haben das Problem gelöst – ohne das Innenministerium belasten zu müssen. Darauf sind wir auch stolz“, sagt Bürgermeister Schaumann und bestätigt: Eine Pflicht-Feuerwehr zu haben ist kein schöner Zustand, aber im Falle von Binz auf Rügen war es augenscheinlich eine sinnvolle Reaktion, um daraus eine schlagfertige Freiwillige Feuerwehr zu schaffen. Der Traum, von einer Freiwilligen Feuerwehr, die auch personell auf Stützpunkt-Niveau ist, ist bald erfüllt.

Wieder eine Einheit - die Feuerwehr in Binz

Wieder eine Einheit - die Feuerwehr in Binz