Atemschutzübungsstrecke Feuerwehr Salzgitter – Retter nutzen ehemaliges Gebäude einer Grubenwehr
Ganz normal ist die Stadt Salzgitter nicht – zumindest nicht von ihrer Größe her. Insgesamt gehören 224 Quadratkilometer dazu. Um vom nördlichen Ende zum südlichen zu fahren, müssen 24 Kilometer zurückgelegt werden, von Ost nach West sind es 19. Über 100.000 Menschen wohnen hier, zwei Berufsfeuerwachen sorgen gemeinsam mit 31 Ortsfeuerwehren, darunter vier größere Stützpunktfeuerwehren, für Sicherheit. Auch drei Werk-Feuerwehren gibt es in der Stadt in Niedersachsen. Diese gehören zu den größeren Unternehmen, wie Volkswagen und dem Stahlkonzern Salzgitter AG. Gut 50.000 Arbeitsplätze bietet die Industrie insgesamt. Bei der Berufsfeuerwehr sind 140 Beamte im Einsatzdienst beschäftigt und besetzen neben dem Rettungsdienst auch die Feuerwehrtechnische Zentrale für die rund 1100 ehrenamtlichen Feuerwehrleute.
Einig sind sich die Feuerwehrleute der Stadt: Sie arbeiten gut zusammen. Ob Berufsfeuerwehr oder ehrenamtlicher Dienst – an der Einsatzstelle und oft genug auch in Übungen spielt die Herkunft keine Rolle – nur der Ausbildungsstand am Ende soll stimmen und mehr als gut sein. So durchlaufen auch hier alle Atemschutzgeräteträger die jährliche Atemschutzübung. Normalerweise für viele andere Feuerwehrleute nicht mehr als ein Pflichttermin und kaum etwas, worauf sich Feuerwehrleute ausnahmslos freuen. Denn üblicherweise wird hier am Ergometer gestrampelt, eine Endlosleiter hochgestiegen (ohne sich jedoch wirklich fortzubewegen) und am Ende ruft die als „Gitterbox“ oder „Drahtkäfig“ bekannte Atemschutz-Übungsanlage. Praktisch sind die Anlagen – und sicher, so kann doch jederzeit bei einem realen Notfall dem Atemschutzgeräteträger geholfen werden. Doch wirklich anziehend wirken die Anlagen nur auf Technikfans. Spannend wird es auch, wenn einmal etwas in den Gitterlaufgängen umgebaut wird und jemand wie im Spiegelkabinett den Weg nicht so recht findet. Doch das kann ohnehin nur der Übungsleiter sehen – mit seinen Infrarot- und Nachtsicht-Kameras. Der dunkle, verrauchte Raum bleibt ansonsten menschenleer.
Salzgitter lebt hier anders und nach eigenen Angaben einzigartig in Deutschland. Hier wird – ohne es zu sehr zu betonen – Wert auf realitätsnahe Ausbildung gelegt. Die ehemalige Übungsstrecke eines Erzbergbaus, wurde bis zum Jahr 1975 nur von den Männern betreten, die tatsächlich unter Tage arbeiten mussten,. Heute sind zwar die Grubeneinbauten noch vorhanden – doch Eigentümer ist nun die Stadt, die das Gebäude der kommunalen Feuerwehr für deren Atemschutz-Übungen übergeben hat. Seither scheint es, als sei die Zeit stehen geblieben in dem unscheinbaren zweigeschossigen Gebäude. Schon der Eingang verbreitet Unwohlsein – Luken und scheinbar luftdichte Schotten als Türen lassen gruseliges ahnen. Tatsächlich: Dahinter liegt eine andere Welt.
„Vorsicht“, ruft Martin Stenz (41). Der Diplom-Ingenieur der Sicherheitstechnik weiß genau, warum er eine Lampe mitnimmt. Doch zu spät: Der Dräger Feuerwehr-Reporter rennt gegen einen Deckenbalken. Doch nichts ist passiert: „Holzkopf an Holzbalken!“ „Spätestens jetzt ist klar, wofür die Feuerwehr Helme und keine Wollmützen trägt“, erklärt Martin Stenz grinsend. Das Lachen könnte dem Reporter bald vergehen. Hinter den Türen finden sich nicht nur Holzbalken, unebene Wege und hohe Leitern in vermeintlichen Sackgassen. Hier gibt es auch etwas, wie einen „Briefkastenschlitz“. Durch diesen müssen sich die Atemschutz-Absolventen durchzwängen. Wer weiterhin im Einsatz sein will, muss eine bestimmte Zeit und einen langen Weg überstehen und heil aus dem Inneren herauskommen. Dann gibt es auch neben der Tauglichkeitsbescheinigung noch einen weiteren Bonus. Das Nebengebäude wurde gerade von Berufsfeuerwehrmännern sehr nett hergerichtet – es lädt nicht nur zu theoretischem Unterricht ein, sondern auch zum Entspannen und zum Grillen im Freien. „Das ist wichtig“, sagt der Brandamtmann der Berufsfeuerwehr Salzgitter. „Nach der Arbeit soll sich jeder ausruhen und auch so den Puls nach unten bringen“, meint der Ausbildungsleiter, der seit 2002 bei der Berufsfeuerwehr in Salzgitter ist. Seit 25 Jahren ist der gelernte Industriemechaniker auch selber in der Freiwilligen Feuerwehr. Gemeinsam mit Berufsfeuerwehr-Frau Inga-Lena Grommas und dem Freiwilligen Feuerwehrmann Jens Heinemann aus Salzgitter-Üfingen besucht Stenz die einzigartige Übungsanlage in Salzgitter-Engerode. Während die beiden Feuerwehrleute ihre Schutzkleidung anziehen und sich für die Übung vorbereiten, erzählt Martin Stenz viel über die Struktur der Feuerwehr Salzgitter.
Die Einsatzleitung für die Stadt Salzgitter übernimmt die BF. Die Berufsfeuerwehr fährt zu jedem Einsatz im großen Stadtgebiet mit heraus. Die Stadt ähnelt durch ihre Ausdehnung eher einem Landkreis. „Daher ist die Unterstützung der Freiwilligen Feuerwehren in den Ortsteilen unabdingbar.“ Gerade in den Randgebieten sei die FF immer zuerst vor Ort. Alle Wehren werden nach und nach mit einem Einheitsfahrzeug, dem TSF-W ausgestattet. Diese Fahrzeuge haben eine fest verbundene Tragkraftspritze im Heck verbaut. Vom Fahrersitz aus lässt sich das Heck jedoch absenken und mit einigen Handgriffen die Pumpe sogar ausbauen. „Zusammen mit den Pressluftatmern in der Kabine ermöglicht das einen schnellen und wirkungsvollen Erstangriff durch die Ortsfeuerwehren, die dann durch die Berufsfeuerwehr unterstützt werden.“
Jens Heinemann (31), der stellvertretende Ortsbrandmeister aus Üfingen ist fertig angezogen. Der im Schichtdienst tätige Schlossermeister ist seit 1995 in der Feuerwehr und könnte sich nicht mehr vorstellen, zur Berufsfeuerwehr zu wechseln: „Ich wollte das früher gern. Es ist aber leider finanziell nicht zu machen. Ich würde selbst nach der Ausbildung noch deutlich weniger verdienen als jetzt. Während der Ausbildung sowieso“, sagt der Familienvater. An seiner Seite hat sich Inga-Lena Grommas in den Türrahmen gestellt. Sie lächelt. Auf die Frage ob sich jeweils der andere den Job des Anderen vorstellen kann sagt die 26-Jährige: „Ich kenne bislang nur den Bereich der Berufsfeuerwehr und komme nicht aus einer Freiwilligen Feuerwehr. Aber die Arbeit mit der Freiwilligen Feuerwehr macht irre viel Spaß!“
Die Brandmeister-Anwärterin hat in ihrer Heimat Hildesheim den Beruf der Physio-Therapeutin ausgeübt und ist dann über den Rettungsdienst zur Feuerwehr gekommen: „Ich musste für die Ausbildung zur Rettungsassistentin 1.600 Stunden an einer anerkannten Lehrrettungswache auf einem Rettungswagen absolvieren. Da habe ich mich ganz bewusst für das Rettungswachenpraktikum bei der Berufsfeuerwehr Salzgitter entschieden. Ich fand die Kombination aus Rettungsdienst und Feuerwehr eine tolle und interessante Aufgabe. Daher habe ich mich auch dem Eignungstest gestellt. So kam ich hierher!“
Doch dann ist genug geredet – es geht in die Strecke. Normalerweise betreten Feuerwehrleute für die Übung einen weitestgehend leeren Raum – lediglich der Drahtkäfig und, je nach Modernität der Anlage, montierte Lampen, Lautsprecher und Kameras befinden sich darin. So können Lichtblitze, menschliche Schreie oder gar nichts dergleichen aus einem Steuerraum eingeblendet werden. Doch die alte Übungsanlage der Grubenwehr ist eben anders. Lichtblitze gibt es hier nicht. Dafür aber mit großen und kleinen Steinen ausgelegte, dunkle Wege samt Bahnschienen. Am Auffälligsten sind die dicken Holzbalken. Wer irgendwann einmal unter Tage war – der findet sich hier wieder. Detailgetreu. Sogar kleine Schilder melden „gestundet“ oder „Seilfahrt verboten“. Auch die typischen Hinweise zu den vorhanden Notausgängen leuchten stark gedimmt vor sich hin. Es riecht nach altem Holz, aber nicht unangenehm. Nebel wird heute nicht gemacht, damit fotografiert und gefilmt werden kann, ausnahmsweise! Immer wieder rutschen die beiden Feuerwehrleute herunter, klettern Leitern hoch und zwängen sich durch Luken. Der Höhepunkt ist ein langer waagerechter Schacht. Gerade einmal 40 Zentimeter hoch. „Hier müssen wir durch“, sagt Grommas trotz Lungenautomat deutlich und laut. Ohnehin gibt sie immer wieder Hinweise oder Aufträge. Die Rollen scheinen klar: Heinemann folgt, übernimmt aber auch selber die Initiative – hilft der Trupp-Partnerin.
In dieser Enge ist es eben manchmal erforderlich, den Trupp-Partner anzufassen, um gemeinsam das Ziel zu erreichen. „Es ist schon ungewohnt als Mann die Kollegin oder Kameradin anzufassen.“ „Es geht hier alleinig um den Einsatzauftrag und das macht mir nichts aus. Wichtig ist, dass wir gut zusammenarbeiten“, entgegnet die kommunikative Berufsfeuerwehrfrau später. Die Atemschutzflasche muss Jens Heinemann ablegen: „Ich komme da sonst nicht durch“, attestiert er. Inga-Lena Grommas zwängt sich mit der Flasche auf dem Rücken leicht gedreht durch den „Pizzaofen“ – und es passt. Doch plötzlich pfeifen die Geräte. Der Druck ist unter 55 bar gefallen, die Restdruck-Warneinrichtung springt an – für den Rückzug wäre es im Realfall nun allerhöchste Zeit.
Martin Stenz hört das Pfeifen auch außerhalb der Anlage und eilt hinzu. Auch er zwängt sich durch den engen Schacht. Mit Mineralwasserflaschen in der Hand wird kurz darauf das Abschlussgespräch durchgeführt. Für beide, ob Berufsfeuerwehrfrau oder Freiwilliger Feuerwehrmann war der Besuch etwas Besonderes: „Normalerweise wären wir gar nicht so lange hier drin. Dreharbeiten dauern aber wohl immer etwas länger“, meint Jens Heinemann.
Später sagen beide Feuerwehrleute einstimmig, dass sie lieber durch diese Übungsanlage rutschen, als durch die Drahtkäfige. Auch weil es einsatzrealistischer ist durch die vielen Winkel und unbekannten Ecken. „Ich war schon so oft selber drin und finde dennoch nicht alles auf Anhieb“, sagt Martin Stenz. Alle können verstehen, warum Feuerwehrleute auch Anfahrten von über drei Stunden in Kauf nehmen, um hier die Atemschutzübung zu absolvieren.
Wer selbst einmal mit seiner Wehr die Anlage nutzen möchte, kann sich bei der Feuerwehr in Salzgitter per E-Mail (Feuerwehr@Stadt.Salzgitter.de) melden und so ein ganz ungewöhnliches Stück Feuerwehr kennenlernen.